Gryphius, „An eine Jungfrau“ – Barockgedicht

Ein Gedicht mit „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“?

Im Folgenden geht es um ein Gedicht, das aus der Zeit des Barock stammt (17. Jahrhundert). Wer sich das Gedicht in der Originalfassung anschauen will, kann das zum Beispiel hier tun. Wir prĂ€sentieren es in heutiger Schreibweise – fremdartig bleibt es noch genug 😉

Hinweis auf ein Video zu diesem Gedicht

Inzwischen gibt es auch ein Video zu diesem Gedicht, das hier abgerufen werden kann:
https://youtu.be/QG-U4kGkxuM

Die zugehörige Dokumentation ist hier zu finden:

https://www.einfach-gezeigt.de/gryphius-an-eine-jungfrau-video

Wichtig ist, dass in dem Video auch die Sicht auf das Bild der Frau in diesem Gedicht etwas relativiert wird. Dabei wird gezeigt, wie problematisch es ist, wenn man sich zu sehr von Vorkenntnissen leiten lĂ€sst, die leicht zu Vor-Urteilen werden 🙁

Hier die entscheidende Seite, die im Video vorgestellt wird. Es geht um:

  • die Gesamtaussage, verbunden mit der Warnung vor schnellen „Vor-Urteilen“
  • die Sonettform, bei der man hier auch eine inhaltliche Funktion nachweisen kann
  • und schließlich die bsd. rhythmische Versform des Alexandriners

Hier noch mal der Link zum Video:

Vorstellung und kritische ErlÀuterung des Gedichtes

Andreas Gryphius

Überschrift und erste Strophe

An eine Jungfrau

  • Gemeint ist hier eine junge Frau.

01 Was ist Eur zarter Mund? Ein Köcher voller Pfeile,
02 Dadurch manch weiches Herz wird bis in Tod verletzt.
03 Der hellen Augen Glanz ist Flammen gleich geschÀtzt,
04 An welchem jeder sich verbrennt in kurzer Weile.

  • In typischer Gegensatzform der Barockzeit werden hier Elemente der Schönheit in ein gefĂ€hrliches Gegenteil verkehrt.
  • Letztlich soll deutlich werden, dass die Schönheit (eben junger Frauen) schlimme Folgen  fĂŒr MĂ€nner hat.
  • Besonders problematisch erscheint das „jeder“ in Zeile 04.
  • Aus heutiger Sicht zeigen sich hier sehr urtĂŒmliche Vorurteile, die das, was man frĂŒher mal als „weibliche Reize“ bezeichnet hat, als etwas VerfĂŒhrerisches betrachtet.
    FĂŒr die sehr vom Christentum und von der Bibel geprĂ€gte Barockzeit wird man schnell an die VerfĂŒhrung Adams durch Eva und die anschließende Vertreibung aus dem Paradies erinnert.

Zweite und dritte Strophe

05 Die wunderschönen Haar sind lauter Liebes-Seile.
06 Wer durch der Stirnen Glanz nicht wird in Euch verhetzt,
07 Wer sich den Lilien des Halses widersetzt,
08 Muss doch gewÀrtig sein, dass ihn der Blitz ereile,

 

09 Der von der bloßen Brust herstrahlt so unverdeckt.
10 So sprecht Ihr, und ist wahr, wer voll von Zunder steckt,
11 In dem kann auch ein Funk leicht großes Feu’r erregen.

  • Die zweite und dritte Strophe sind eng verbunden und enthalten erst mal nichts Neues.
  • Dann wird es aber ab Zeile 10 interessant, weil hier erstmals deutlich wird, dass nicht alles Negative hier von der Frau ausgeht, sondern der Mann eben „voll von Zunder“, also stark brennbarem Material, steckt.
  • Schön wĂ€re gewesen, wenn Gryphius das stĂ€rker hervorgehoben hĂ€tte.
  • Aus heutiger Sicht bestĂ€tigt er sehr stark das Vorurteil, das Frauen sich immer wieder anhören mĂŒssen: „Wenn es Probleme mit MĂ€nnern gibt, dann liegt es auch an der Aufmachung.“
  • Aber aus heutiger Sicht – und das ist das Schöne an der Literatur als Kunst – kann man natĂŒrlich das Gedicht an dieser Stelle auch so verstehen, dass Gryphius am Anfang Probleme zwischen den Geschlechtern aufzeigt, dabei zunĂ€chst eine scheinbar sehr mĂ€nnerschonende Sichtweise prĂ€sentiert, dann aber eben doch auch auf den Zunder hinweist, also die Beteiligung des Mannes an möglichen Verirrungen im Umgang von Mann und Frau miteinander.

Vierte Strophe

12 Wer aber bei sich selbst, dies was Ihr so hoch acht’,
13 Die schöne Nichtigkeit, und was Ihr seid betracht’,
14 Den sollt Ihr, glaubt mir’s fest, zu keiner Brunst bewegen.

  • Bei der letzten Strophe kommt es nun drauf an.
  • Man muss hier die Überschrift wieder einbeziehen, um das „Ihr“ in Zeile 12 richtig zu verstehen.
  • Hier wird etwas abfĂ€llig der Frau unterstellt, dass sie ihre Schönheit „so hoch“ achtet – und dann wird – noch schlimmer – „schöne Nichtigkeit“ schon in einen sehr problematischen engen Zusammenhang mit „Ihr seid“ gebracht.
  • Vor dem Hintergrund bricht leider jede positive Sicht auf dieses Gedicht zusammen, weil ja die Gefahr fĂŒr die MĂ€nner dadurch vermindert werden soll, dass sie sich die Frau gewissermaßen unschön (und leider auch darĂŒber hinaus) vorstellen sollen.

Zusammenfassung – kritische WĂŒrdigung

Insgesamt also ein Gedicht, das ganz eindeutig aus einer Zeit stammt, in der man Frauen fĂŒr gefĂ€hrlich hielt in ihrer Wirkung auf MĂ€nner, und glaubte, sie nur dadurch davor bewahren zu können, dass man sie sich schlechter vorstellte bis hin zur Vorstellung, es handele sich bei ihnen nur um eine „schöne Nichtigkeit“.

Das mag als Therapie funktionieren, enthĂ€lt aber wohl auch ein StĂŒck „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, so wĂŒrde man es heute wohl nennen.

Vor allem aber entspricht es in keiner Weise einem aufgeklĂ€ren und zivilisierten Umgang von MĂ€nnern und Frauen, wie er sich glĂŒcklicherweise in Europa herausgebildet hat – zumindest als Möglichkeit.

Dass Frauen zu Recht noch mehr verlangen als nur einen zivilisierten Umgang mit ihrer Schönheit, ist dann noch ein anderes Thema.

Wer noch mehr möchte