Mascha Kaléko, „Großstadtliebe“ – modernisiert

Der Reiz des Modernisierens

Es ist immer wieder eine schöne Aufgabe, einen älteren Text, der viel Potenzial enthält, in die heutige Zeit zu übertragen.

Das gilt natürlich auch für Gedichte.

Die Vorlage

Deshalb wollen wir mal am Beispiel eines Gedichtes von Mascha Kaléko zeigen, wie man so etwas machen kann. Es heißt „Großstadtliebe“ und zeigt, wie Veränderungen um uns herum auch uns innen verändern.

In diesem Falle geht es – wie der Titel des Gedichtes schon deutlich macht – um die intensivste Beziehung, die Menschen eingehen können, nämlich um die Liebe.

Erfreulicherweise gibt es eine Seite im Internet, auf der dieses Gedicht veröffentlicht worden ist – und es ist ganz eindeutig eine Seite, die die Urheberrechte schützt – und das tun wir auch. Deshalb sprechen wir nur über das Gedicht und sein Anregungspotenzial, fügen aber den kompletten Originaltext hier nicht ein. Man kann ihn wie gesagt finden auf:
https://www.maschakaleko.com/gedichte/21-grossstadtliebe

Klärung der inhaltlichen Entwicklung im Gedicht

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen mit jeweils fünf Zeilen und wir klären zunächst mal die inhaltliche Entwicklung.

  1. In der ersten Strophe geht es um die Entstehung einer Beziehung aus einer flüchtigen Begegnung heraus.
  2. Die zweite Strophe beschäftigt sich dann mit der Liebe der beiden Personen und ihren Hoffnungen auf gemeinsames Glück.
    Es gibt dann aber schon ein Signal, dass diese Liebe Beschränkungen unterliegt, denn nach den „Freuden der Gehaltszulage“ kommt anscheinend nur noch Kommunikation über das Telefon.
  3. Die dritte Strophe deutet dann an, dass man sich nicht zu Hause treffen kann, weil man dort einfach nicht ungestört zusammen sein kann.
    „Klatsch der Tanten und der Basen“ die Rede.
    Das führt letztlich dazu, dass man „zu zweien still und unberührt“ bleibt, also auch eine innere Einschränkung der Liebe gegeben ist.
  4. Die vierte Strophe beschäftigt sich dann mit den Möglichkeiten des Zusammenseins, die unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich sind.
    Vieles ist nur an stillen beziehungsweise einsamen Orten möglich.
    Zu einer gemeinsamen Lebensplanung kommt man schon gar nicht mehr, denn man muss sich jeweils um die konkreten Dinge kümmern, was einem kaum Gelegenheit gibt auch mal „rot“ zu werden, d.h. letztlich innerlich berührt zu werden.
  5. Die letzte Strophe führt dann Verhaltensweisen auf, die unter normalen Bedingungen das Gefühl der Gemeinsamkeit verstärken.
    Dem gegenüber steht aber eine Entwicklung, bei der man letztlich dann „genug von Weekendfahrt und Küssen“ hat.
    Jetzt reicht es nicht mal mehr zu einem Telefonanruf, sondern man schreibt sich einen Abschiedsbrief und den auch noch in Stenografenschrift, wobei ein einziges Wort reicht: „aus“.

Letztlich macht das Gedicht deutlich, dass zu den damaligen Zeiten eine Liebe unter diesen Bedingungen eigentlich keine Zukunft hatte und genauso schnell zu Ende ging, wie sie begonnen hat.

Die Frage der Modernisierung

Wenn es um die Frage geht, wie man das modernisieren kann, dann gibt es viele Beschränkungen, die heute sicherlich nicht mehr in der Form eine Liebe – unter normalen Bedingungen – behindern.
Also muss man überlegen, wo es auch heute noch solche Bedingungen ausnahmsweise mal geben kann.

Dabei könnte einem eine Beziehung einfallen, die von der Hierarchie nicht zusammenpasst. Ein gewisses Klischee ist ja die Liebe zwischen Chef und Sekretärin oder umgekehrt natürlich zwischen Chefin und ihrem Assistenten.

Genauso könnte man an den militärischen Bereich denken, wo ein Vorgesetzter eine Beziehung mit einer Untergebenen eingeht, was in der Regel nur geheim geschehen kann.

Wir entscheiden uns hier für den landläufigen Fall in einer Firma, aber nehmen dort nicht die vermeintliche Standardsituation zwischen Chef und Sekretärin, sondern lieber zwischen Chefin und ihrem Assistenten.

Zur Vorgehensweise

Wir verzichten nicht zuletzt aus Achtung vor der Autorin darauf, jetzt einfach wie in einer Persiflage einzelne Wörter auszutauschen, sondern versuchen uns tatsächlich von dem Gedicht und der in ihm deutlich gewordenen Problematik zu einem eigenen Text anregen zu lassen.

Auch verzichten wir auf Reim, weil der erst mal den inhaltlichen Gedankenflug nur behindert. Allerdings sollte das Gedicht schon einen gewissen Rhythmus haben. In der Vorlage ist das ein Jambus, wir schauen mal, was passt.

Versuch einer vorläufigen Realisierung

Lars Krüsand,

Business-Liebe

  1. Das Firmenfest, es war so schön und hatte Folgen.
  2. Die Chefin gab das Du, der Assistent griff zu.
  3. Und wie es sich gehört, es ging ins Bett.
  4. Am Tag darauf, dann war die Frage,
  5. wie gehn wir damit um? …
  6. Auf jeden Fall war klar, das ging nicht offen.
  7. So traf man sich an stillen Orten
  8. Am Wochenende ging’s dann weiter raus.
  9. Wozu gibt es Hotels mit voller Diskretion?!
  10. Doch wie es mit der Liebe halt so ist.
  11. Sie schreit nach mehr, ja fast nach Ewigkeit.
  12. Doch geht das kaum, wenn alle Energie
  13. nur aufs Verheimlichen gerichtet ist.
  14. So fand der Assistent denn eines Sonntags,
  15. als er vom Joggen kam, nur einen Zettel vor.
  16. Das „Du“ gestrichen, dafür groß ein „Sie“.

Weiterführende Hinweise

  • Ein alphabetisches Gesamtverzeichnis unserer Infos und Materialien gibt es hier.
  • Eine Übersicht über unsere Videos auf Youtube gibt es hier.

 

 

Kaléko, Mascha, „Mit auf die Reise“

Worum es uns hier geht …

Im Folgen wollen wir kurz zeigen, wie man den Inhalt des Gedichtes von Mascha Kaléko sich so klarmachen kann, dass man die zentralen Aussagen versteht und sich auch so etwas wie Sinn ergibt.

Da die Verfasserin noch nicht 70 Jahre tot ist, unterliegt der Text dem Urheberrecht. Aber wir gehen davon aus, dass er zur Verfügung steht.

Erläuterung der 1. Strophe

  • Das Gedicht beginnt mit der Feststellung des Lyrischen Ichs, was es alles – wohl dem oder der Geliebten nicht mit „auf die Reise“ (so der Titel) geben kann.
  • Dabei handelt es sich zunächst um eins der größten Geschenke, die man jemandem für eine Reise machen kann.
  • Es folgen wertvolle Steine und ein kostbarer Mantel o.ä.
  • Statt all dem scheint es nur etwas was Geringes abzugeben haben, nämlich ein „Schlüsselchen von Erz“ – allerdings Vorsicht. Schlüssel verschaffen ja immer den Zugang zu etwas anderem, möglicherweise noch Wertvollerem.
  • Ein schönes künstlerisches Mittel ist dann die Beiläufigkeit, mit der „mein ziemlich gut erhaltnes Herz“ nachgeschoben wird. Was will man als Liebender mehr?!
  • Die letzte Zeile macht dann aber deutlich, dass es wohl auch ein Gegenstand in Herzform ist, der eben für Erinnerung sorgen soll. Aber das stellt die Kostbarkeit nicht in Frage, betont allenfalls den Charakter der Bitte – als ob das Gegenüber nicht von sich aus dran denken würde.

Erläuterung der 2. Strophe

  • Die zweite Strophe bezieht sich dann auf Fähigkeiten, die man früher eher einer braven Ehefrau zugeordnet hat.
  • Von daher erscheint es eher sympathisch, dass das nicht im Angebot ist,
  • Dafür aber etwas viel Wertvolleres. Zauberteppich ging ja erst nicht, dafür gibt es jetzt den Zugang zu einem „Märchenland“, dessen Aussehen offen bleibt. Möglicherweise will das Lyrische Ich gar nicht über ein anderes Land nachdenken, in dem das geliebte Gegenüber verschwindet. Aber es möchte zumindest, dass an „grauen Tagen“ doch etwas Schönes im Angebot ist.

Erläuterung der 3. Strophe

  • Auch die letzte Strophe setzt die Liste der scheinbaren Defizite fort, diesmal geht es um ein Elementz der Märchenwelt, das dafür sorgt, dass alle Wünsche erfüllt werden.
  • Auch den märchenhaften Zugang zu einer Schatzkammer gibt es nicht.
  • Auch ein Schmuckstein, der angeblich inneren Frieden schenkt (https://www.edelsteine.net/amethyst/) ist nicht im Angebot.
  • Doch dann das großartige Finale: Zunächst eine wunderbare Erkläruing, was das geliebte Gegenüber für das Lyrische Ich bedeutet: Wenn dessen Herz ihm „Flut und Ebbe“ ist, dann bedeutet das die Vollkommenheit der Gezeiten und damit der Wechselfälle des Lebens. Man wird erinnert an die Hochzeitsformel „in guten und in schlechten Tagen“. Mehr geht nicht an Versprechen.
  • Und dementsprechend wird am Ende ein Muschel mitgegeben, die so schimmert wie die Tränen des Lyrischen Ichs, das sein geliebtes Gegenüber vermisst.
  • Und das Ziel ist mehr als nur „Anmichdenken“, es geht um Sehnsucht – und das ist wohl deutlich mehr in der Liebe.

Gesamteinschätzung des Gedichtes

  • Insgesamt ein sehr originelles Liebesgedicht für eine ganz besondere Situation.
  • Deutlich wird, wie das Lyrische Ich eigentlich alles mitgeben möchte, was das geliebte Gegenüber benötigt, was ihm gut tut.
  • Es konzentriert sich aber auf das, was ihm entspricht und sehr originell wirkt.
  • Am wichtigsten ist ihm, dass seine Liebe deutlich wird und in gleicher Weise erwidert wird.
  • Man könnte es gut vergleichen mit „Ich habe dich so lieb“ von Joachim Ringelnatz.

Weiterführende Hinweise